Kerstin Fischer
PULVER
Eröffnung | Opening: Freitag, 29. Oktober 2010, 19 Uhr
Ausstellung | Exhibition: 30. Oktober bis 18. Dezember 2010
Ausstellungstext
Kerstin Fischer Nach der Beteiligung an einer Gruppenausstellung imvergangenen Jahr richtet Kerstin Fischer (*1981) unter dem Titel 'PULVER' nunihre erste Einzelpräsentation in den Räumen der Galerie ein. Dominierte 2009eine großformatige und technisch sehr komplexe farbige Wandarbeit denHauptraum, so zeigt die Künstlerin diesmal vornehmlich kleinteilige, plastischeTonobjekte auf einem eigens mit diversen Stoffen drapierten Tischgestell. Beiden Tonobjekten handelt es sich um abstrakte, undefinierte Formungen, die nurentfernt an Organisches erinnern, jedoch nie den Bearbeitungsprozess der Händeverleugnen. Teilweise liegend, meist jedoch um ein aufgerichtetes Daseinbemüht, mit Durchblicken oder Löchern versehen und stellenweise bemalt,vermitteln die Arbeiten einen Sinn oder die Erfahrung von wirklicher Freiheit, daihr Vorhandensein von keiner übergeordneten Idee abgeleitet erscheint. Erlaubtdie Präsentation auf der bekleideten Tischlandschaft eine Übersicht über diesesmodellhafte Arrangement einer skulpturalen Testreihe, eröffnet der Blick aufdie einzelne Form eine Ahnung von der Passion, die ihrer Herstellung zu Grundeliegt.Nur bedingt wird durch den Ausstellungstitel 'PULVER' eine Fährte gelegt,bezeichnet er doch eine zwar feine und kleinteilige, aber nicht weiterspezifizierte mysteriöse Substanz oder Ingredienz, über deren möglicheWirkmacht erst eine weiterführende Verarbeitung Aufschluss zu geben vermag.Somit wird eher ein Vorstadium oder eine Möglichkeitsform mit diesem Begriffevoziert. Ebenso gut könnte es jedoch auch einen Endpunkt markieren, wenn allesIrdene zu Staub pulverisiert und dem Verfall anheim gegeben ist. In eben diesemambivalenten, alchimistischen Zwischenreich scheinen die Arbeiten von KerstinFischer angesiedelt zu sein, geht es ihr in ihrem bildnerischen Schaffen dochdarum, etwas fühlbar, er-fassbar zu machen, einer Vision vielleicht Gestalt zuverleihen. Die Idee des Anfassens, die beschmutzt, unrein und in erster Liniean die Erde und die Symbolik der Materie und der sie hervorbringenden undwandelnden Kräfte gebunden ist, nimmt in der raschen und fließenden Gestaltungeinen wesentlichen und gleichsam persönlichen Raum ein. Die Kraft derkünstlerischen Vorstellung sucht dabei Halt im Bild, um über eben dieses Bildhinauszuweisen.In ihrer distanzierten Kargheit operieren die Skulpturen mit einer poetischenVerdichtung und weisen die Künstlerin als Seismographin für jenenzeitgemäßen Bewusstseinszustand aus, der sich dem Rätsel verschriebenhat, um über die Magie der Niederschrift das Verborgene und Vergessene wie einOrakel zum Sprechen zu bringen. Die Erregung vor dem Unfassbaren wie dieAnspannung selbst scheinen in den fragilen Gebilden gespeichert. Ein Wille zurGestaltung jenseits medialer Logik durch das Abenteuer des immer neuen formalenHandelns schreibt sich in die Bildwerke und ihrem Arrangement ein. In dieserdirekt energieschaffenden Grundhaltung des Modellierens ist bei Kerstin Fischerein instinktiver Drang zur Anhäufung, zu einer Überfülle von in den Raumausstrahlenden Zeichen zu erkennen, der dem Ort der konkreten Erfahrung denvitalistischen Ansatz ihrer Gestik aufprägt und ihre den Wandel der Dingebeschreibenden Objekte mit starker Emotionalität befrachtet. Aufgerufen wirdein Urgrund emotionaler Beziehungen, der unseren Zugang zur Welt, zum Raum, zuden realen und geistigen Orten wahrscheinlich macht.Ergänzt wird die bühnenartige plastische Formenvielfalt von einer SerieBuntstiftzeichnungen, die in dunklen Kartonrahmungen ein suggestiv, spielerischkreisendes Zeichenvokabular als poröses Territorium voller geheimnisumwobenerLebensspuren darbieten. So farblich düster sie bisweilen auch erscheinen mögen,so lebendig sind sie in sich aufgrund der radikalen und zügigen künstlerischenFormulierung.Scheinbar mühelos gelingt es der Künstlerin, die ihr Studium an der DüsseldorferKunstakademie als Meisterschülerin von Jan Dibbets im Jahre 2006 abschloss,in ihren Bildern und Objekten Ambivalenzen und Widersprüche von Verstandund Gefühl, Kalkül und Spontanität zu visualisieren. Die dem Zufall unterworfenenprozesshaften Ausformulierungen nehmen dabei unausweichlich Einfluss auf dieemotionale Gestimmtheit der Betrachter.Harald Uhr
english text
Kerstin Fischer
After making her debut in a earlier group show Kerstin Fischer (*1981)
will
present her first solo show 'PULVER' (POWDER) at Sebastian Brandl gallery. While
a large sized and technically very complex coloured mural dominated the main exhibition
space in 2009, the artist shows mainly small-scaled sculptural clay objects on a table
rack specially draped with various textiles this time. The objects have abstract and
undefined forms that remind only vaguely of something organic, but that never deny the
working process with the hands. Partly horizontal, but mostly in a vertical position - provided
with views or holes and in some parts painted - the works provide a sense or an experience
of real freedom, as their existence is not originating from any overarching principle. If the
presentation on the dressed table scenery permits an overview of this model arrangement
of this sculptural test row, the view at the single form opens a notion of the passion that
forms the basis of this work.
The exhibition title 'POWDER' sets only partly on the right track. Although if powder is composed of very fine particles but not further specified mysterious substance or components, only a further examination can give information about its possible power. Therefore a rather preliminary stage or a form of possibility is evoked with this name. But it could mark also an end point, when everything earthen pulverizes into dust and is left to decay. The work of Kerstin Fischer seems to be located in a intermediate realm of ambivalence and alchemy, seeming to become tangible and ascertainable, perhaps a to give a vision a form. The idea of touching plays in this fast and flowing process an important and personal role. It is primarily tied to the earth and the symbolism of matter and to its engendering and changing forces. While the power of artistic vision is looking for support in the image to point beyond it.
In their detached austerity, the sculptures are operating with a poetic intensification and designate the artist as a seismograph for a modern state of consciousness, that has devoted itself to the riddle, to speak out like an oracle the hidden and forgotten about the magic of writing. The agitation and even tension in the evidence of the unfathomable seem to be fixed in those fragile sculptures. A will to creation beyond media logic due to the adventure of the continually renewed process of formal action inscribes itself in the images and their arrangement. An instinctive urge of accumulation is recognisable within the work of Kerstin Fischer as also the abundance of glowing with signs due to an immediate energizing way of modelizing. The environment is characterized by the experience of her lively gestures in the objects, that describe the change of things in a very emotional way. A basis of emotional relationships is described, so that our approach to the world, to the space, to the real and spiritual places can be experienced.
The stage-like variety of forms is complemented by a series of coloured pencil drawings, that are framed in dark cardboards to present a suggestive, playful and circling vocabulary of signs that feature a porous territory full of mysterious traces of life. Although they sometimes may seem bleak in colours, the more vivid they are due to the quick and radical artistic formulation.
Apparently without effort the artist (who finished her studies at the Academy of Fine Arts in Düsseldorf as a master student of Jan Dibbets in 2006) is able to visualize in her paintings and objects the ambivalence and contradictions of reason and emotion, calculation and spontaneity. The processual formulations that are left to chance have an direct effect to the emotional state of the viewer
Harald Uhr
Jan Stieding
DER FETZIGE INDIANER
Eröffnung | Opening: Freitag, 03. September 2010, 18 – 22 Uhr
Ausstellung | Exhibition: 04. September bis 23. Oktober 2010
Ausstellungstext
Jan Stieding Wenn die Wirklichkeit sich in einer Zwischenwelt derRatlosigkeit eingerichtet hat und sich behäbig dortselbst auf längere Sichthäuslich niederzulassen gedenkt, wird es Zeit, die Frage nach den Utopien undWunschbildern von einst und jetzt erneut und zum wiederholten Male auf dieAgenda zu setzen, gilt es doch der Verknappung von Kontakten mit der Weltentgegenzutreten und wenigstens ein wenig Bewegung in die verfahrene Sachlagezu bringen. Auf den ersten Blick scheinen uns die Bilder des 1966 in BadLangensalza / Thüringen geborenen Jan Stieding ebendies zu bieten, wenngleichsie auch nicht ohne hintersinnige Stolperfallen daherkommen. Noch allzuvertraut mit den verordneten Lebens- und Weltentwürfen der DDR begann Stiedingsein Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden unmittelbarnachdem das sozialistische Experiment sein Pseudodasein eingestehen musste undzur abgeschlossenen Episode deklariert wurde. Ab 1995 setzte Stieding seinStudium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort und beendete es schließlich1998 als Meisterschüler in der Malklasse von Jörg Immendorff. Den kritischenBlick auf gesellschaftspolitische Fragestellungen konnte sich der Künstler auchhier bewahren, selbst wenn die Revolution, wie Heiner Müller seinerzeitanmerkte, jetzt keine Heimat mehr habe.
Bei Jan Stieding geht es jedoch nicht darum, mit oder inseinen Bildern zu revolutionieren, sondern eher darum, die Dinge ein wenig zuüberlisten, sie aufzulockern und damit beweglicher zu machen, misstraut er dochnach wie vor einem normierten Denken und Sprechen. Bilder haben demgegenüberschließlich den nicht unerheblichen Vorzug, auf einer Deutungsoffenheitbeharren zu können. Zudem liefern sie die Projektionsfläche auf einen Raum, indem Reales und Imaginäres einander begegnen oder sich mischen können. StiedingsBilder sind durchwebt von einer dialektischen Intensität. Angesiedelt zwischenZweifel und Verheißung, Schönheit und Skepsis überschneiden sich permanentTraumgebilde und Zeitbilder. Ein psychedelisch imprägnierter Realismus scheintseine Bildfindungen zu bestimmen. An der Grenzlinie zwischen Darstellung undAbstraktion schmuggelt Stieding völlig ungeniert einen Hedonismus ohnespirituelle Obertöne. Dabei verortet er die unterschiedlichen, aus der medialenBildmaschine ausgesiebten Quellen, vom beiläufig entdeckten Illustriertenfotozum eigens freigestellten Filmstill, in den Rahmen eines subjektivenMotivpanoramas. Das eigentliche Material sind sowieso die Bilder im Kopf. Diemalerische Umsetzung könnte man demnach zur Postproduktion rechnen, wenn nichtdie ausführende Behandlung mitunterselbst einen bestimmenden Part einfordern würde. Gerade weil der Hintergrunddiffus und atmosphärisch, ja, außer dezente Anklänge an Wald und Wiese,nachgerade vorläufig und unspezifischwirkt, eine dezidierte Festlegung tunlichst verweigert, gerät dasWechselspiel mit der Imagination und dem Bildgedächtnis des Betrachters zumfesten Bestandteil des Ganzen, Bild und Gegenbild bedingen einander.
In seiner zweiten Einzelausstellung in den Räumen derGalerie Sebastian Brandl sind vornehmlich Bilder aus der diesjährigenProduktion des Künstlers zu sehen. Neben der Impression einer großformatigenKonzertbühne zeigen die mittleren Formate zumeist somnambule Einzelfiguren,Hippies, Zombies oder Waldgeister in idyllischem Naturambiente, Wesen, die dieSchranken des bürokratischen Lebens abgestreift zu haben scheinen und alsverblassendes Nachbild einen mit elegischer Nostalgie angereichertenmelancholischen Grundmodus verkörpern. Die aufgesetzten traumverlorenenGestalten auf diesem wässrig-amorphen Fond wirken daher wie eine Halluzination,die als fragende Erscheinungen eingeblendet werden. Möglicherweise werfen sieFragen nach verschütteten Quellen des Geheimnisvollen auf oder wollen dasgewöhnliche Leben vor einer Entzauberung in Schutz nehmen. Den festgehaltenenekstatischen Augenblicken haftete dabei jedoch etwas zutiefst bühnenhaftes,filigran Verspieltes an. Stieding malt simulierte Erinnerungen, die auftauchen,kurz bevor sie verglühen. Erinnerung ergibt Identität. Wenn aber die Erinnerungein Flickwerk aus Tatsachen und Fantasien ist, manchmal vielleicht nur ausFantasien, was, so scheinen diese Bilder zu fragen, bleibt dann von derIdentität übrig. Seine Visionen sind mit einem rückwärts gewandten Zeitkoloritbehaftet. Diese Körper haben nur so viel Materie, wie es zu einer Verheißungbedarf. Im Bild bleibt, was sonst nicht bleiben kann. Verstörende Einsprengsel,Farbverläufe und irritierende Flecken sowie Zonen der Unschärfe lassen esfragwürdig erscheinen, ob der Künstler den realen Gegenstand wahrnimmt oder ihnnicht vielmehr irrealisiert. Gegenwelten und Orte des Abseits stehen zurDisposition und werfen Fragen nach den in der Vergangenheit entwickeltenUtopien, Visionen, Ideologien und ihrer Einlösung in der Gegenwart auf.Vielleicht sind einige davon ja bereits eingelöst, nur haben wir es beizeitennicht mitbekommen, weil das Bild, welches wir von ihnen hatten, nicht mit derForm in Deckung zu bringen ist, die sie bei ihrer Umsetzung übergestreifthaben. Modern sein heißt eben auch wissen, was nicht mehr geht.
Harald Uhr
english text
Jan Stieding When reality has accomodated itself in the twilight zone of cluelessness and intends to stay there comfortably for a long time then it is time to discuss the questions of utopias and former and nowadays ideals again, regarding to prevent its isolation from the world and to bring at least little movement into the muddled state of affairs. Jan Stieding's paintings (born in Bad Langensalza / Thuringia in 1966), seem to offer this to us at first sight, although they do not come along without subtile pitfalls. Being still familiar with the enacted visions and concepts of the GDR Stieding began his studies at the University of Visual Arts in Dresden directly after the socialist experiment had to admit its pseudo existence and was finally declared as a terminated episode. Stieding continued his studies in the Academy of Fine Arts in Düsseldorf in 1995 and finished it as a master student in the painting class of Jörg Immendorff in 1998. Also there the artist kept the critical glance on sociopolitical questions even if the revolution has no more homeland now as Heiner Müller commented at that time.
Nevertheless Jan Stieding is not interested in revolutionizing through his painting but rather to outwit things a bit. His aim is moreover to loosen things and to make them more versatile because he still mistrusts standardized ways of thinking and speaking. Pictures do have the considerable advantage to to insist on uninterpretability. They become furthermore a projection screen on which the real and the imaginary can meet or intermingle. Stiedings paintings are interwoven with a dialectic intensity. Phantasmagoria and time pictures overlap constantly located between doubt and promise, beauty and scepticism. A psychedelic impregnated realism seems to affect his works. Situated at the border between depiction and abstraction Stieding smuggles a hedonism without spiritual overtones in a free and easy way. The different images base on sources of the 'medial picture machine' and contain photos of illustrated magazines and filmstills. They are placed into a subjective panorama of motifs. Anyhow the real material are the images in one’s head. Hence, the realization of the painting could be seen as part of a post production where the act of painting itself demands a determining role. Precisely because the background refuses a decisive definition as far as possible with its vague and atmospheric or provisional and unspecific aspects, except the discreet hints of meadows and forests, the interaction between the imagination and the pictorial memory of the viewer becomes a constant part of the whole. Image and counterimage depend on each other.
For his second solo exhibition at the Sebastian Brandl gallery the artist presents mainly recent works from this year. In addition to the impression of a large-size concert stage the medium sized paintings show mostly somnambule single figures, hippies, zombies or forest ghosts embedded in an idyllic natural environment. Beings that seem to have stripped away the barriers of the bureaucratic life and which embody - like an after-image that fades away - a melancholic way of life enriched with an elegiac nostalgia. The dreamy figures placed in front of a watery amorphous background appear like hallucinations which fade in like enquiring appearences. They might raise questions about hidden mysterious sources or just want to protect life from disenchantment. At the same time these ecstatic moments inhere something stage-like and filigree playful.
Stieding paints simulated memories which appear shortly before they die down. Memory produces identity. However - these pictures seem to ask – what remains of identity if memory is a patchwork of facts and sometimes only fantasies? His visions seem to be afflicted with a retro amtosphere.
These bodies have only enough material which is necessary for a promise. In the paintings remains what normally cannot stay. Disturbing sprinklings, gradients and irritating spots as well as areas of blurring raise doubts whether the artist perceives the real object or if he rather irrealizes it himself.
Counterworlds and remote places are challenged and raise questions for utopias, visions and of the past and about their fulfilment in the present. Maybe some are already fulfilled, and we did not realize it because the image we have had in mind does not coincide with the form they got during their implementation. Being modern also means to know what is no longer possible.
Harald Uhr
Sven Fritz
VERPFLANZUNG
Eröffnung | Opening: Freitag, 04. Juni 2010, 19 Uhr
Ausstellung | Exhibition: 05. Juni bis 31. Juli 2010
Ausstellungstext
Sven Fritz Unlängst wurde die aktuelle Malerei als 'neben sich' stehend beschrieben. Sollte
diese Einschätzung zutreffen, ginge sie durchaus zumindest mit unserem zeitweiligen
Empfinden von Wirklichkeit konform. Dies hat wohl sicherlich etwas mit dem Verlust von
Gewissheiten zu tun. Nichtsdestoweniger bewegen wir uns mit diesem Verlust in einer
neuen Dimension von Erfahrung, offen gegenüber Dingen, die zuvor vielleicht weniger
zugänglich waren. Inwieweit die neueren und neusten Arbeiten des 1976 geborenen
Sven Fritz diese mokante These entweder belegen oder dementieren können, ließe sich
gegebenenfalls anhand seiner zweiten Einzelausstellung in den Räumen der Galerie
überprüfen. Die zumeist kleinformatigen Gemälde und Collagen werden darin durch einen
größeren Tintenstrahldruck ergänzt. Auf den ersten Blick suggerieren diese Bilder den
Eindruck suchend reduzierter Gesten, die mitunter auf die anekdotische Fährte ihrer eigenen
Herstellung verweisen. Sie künden von einer Haltung, die danach trachtet, mit dem
auszukommen, was gerade zur Hand ist. Dabei flottieren die Zeichen-Gegenstände und
abstrakten Bildfiguren denkbar frei, erstreben eine wenn auch fragile spannungsgeladene
Balance weit eher als eine bestimmende Dominanz.
Mit dem Ausstellungstitel 'Verpflanzung' öffnet Sven Fritz, der im vergangenen Jahr sein
Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse von Thomas Grünfeld abschloss,
ein breites Spektrum an Assoziationsfeldern. Am offensichtlichsten vielleicht in den Collagen,
ergeben sich durch das Zusammenfügen farbiger ‚Reststücke’ und ausgeschnittener Papier-
schablonen überraschend neue formale und inhaltliche Ordnungen. Kontingenzen und
das Nichtgeplante sollen Verwendung finden und den Spielraum der Möglichkeiten erweitern.
Einem Sampling in der Musik vergleichbar, unterzieht Sven Fritz das disparate Ausgangs-
material einem ‚Copy and Paste’-Verfahren und erzielt mit diesem zweistufigen Prinzip der
Übertragung entwaffnend einfache, jedoch dynamisch komplexe Gebilde mit durchaus
lyrisch-poetischen Komponenten. Nicht zuletzt die prägnanten Titel der jeweiligen Arbeiten
evozieren eine vom Klang - oder besser Zusammenklang - geprägte Erscheinungsweise
und unterstreichen den lakonischen, von dekonstruktiver Skepsis begleiteten Umgang mit
ästhetischen Traditionen.
Die formalen Gefüge von Sven Fritz erfüllen das Postulat, ein Bild bis an den Rand zu denken
und verfügen über keinen anderen Existenzgrund als den, der Empfindung, der es Vorschub
leistet, Unterkunft zugewähren. Hierzu können mitunter die Begleitumstände des Malens als
Schlieren, Verwischungen und Verläufe mithilfe des Computers als künstlich aufgeladene
Vergrößerungen ein raffiniert verstörendes Wechselspiel zwischen analogen und digitalen
Prozessen eingehen. Mit seinem Einsatz einer hierarchielosen Kombinatorik, selbst in den
großformatigen Computerausdrucken, zielt der Künstler auf Fragen, die von den Rändern
oder der Peripherie aus aufgeworfen werden. Sie betreffen jedoch immer den Kern der
Sache, sie zielen auf das Zentrum und meinen Wesentliches.
Radikal in der Haltung und konsequent in der Ausführung bei der Befragung des Bildbegriffs
weiß Sven Fritz dennoch um die vielfach verschlungenen Bezüge zur Welt außerhalb der
ästhetischen Autonomie der Kunst und siedelt seine experimentierfreudigen Arbeiten daher
bewusst in dieser ambivalenten Übergangszone an. Erscheinen sie zugleich rationalisierend,
systematisierend und objektiv, sind sie dennoch nie frei von Subjektivität. Reich und
komplex, lebendig und vielfältig kommunizieren dieso gefügten Farbgestalten untereinander
und kommen gleichsam dem Betrachter entgegen. Typisch für Fritzens Werk entsteht so
eine vielschichtige Dialektik. Bildform und Rahmen, Fläche, Raum und die Leerstellen da-
zwischen gehören unlösbar zusammen. Die Vielfalt, die keiner festen Ordnung folgt, deren
Konstruktion aber nachvollziehbar und ablesbar bleibt, verleiht dem Gebilde Schönheit und
Leichtigkeit, fern jeder Abbildfunktion von Kunst.
Beispielhaft steht diese Arbeit für den lustbetonten,spielerischen und mit Humor versehenen
Umgang des Künstlers mit den Parametern der ungegenständlichen, nicht repräsentierenden
Kunst. Sie kann als Überprüfung der Einsatzgebiete von Formen, Farben, Linien, Licht, Raum
und Material angesehen werden. Fritz analysiert in seinen Arbeiten auf sehr differenzierte
Weise vornehmlich gemischte Zustände, Gefüge und Verkettungen, nicht die Abstraktion als
solche. Damit einher formuliert sich die Forderung, dass das Auge nicht bei den Dingen
verharrt, sondern sich zu den Sichtbarkeiten erhebt. Sven Fritz richtet sein Hauptaugenmerk
daher mehr auf das Entstehen visueller Zustände, was dem prozesshaften und kommunika-
tiven Nachvollzug einen nicht unerheblichen Stellenwert beimisst.
Harald Uhr
Christian BergMENTAL POLIS
Eröffnung | Opening Freitag, 16. April 2010, 19.00 UhrAusstellung | Exhibition 17. April bis 29. Mai 2010
Ausstellungstext
Christian Berg Es sind nicht zuletzt die elementaren Kräfte der Erdanziehung, die sich
Christian Berg für seine plastischen Gestaltungen zu Nutze macht, sind sie doch nachgerade
konstitutiv bei seinen Betongüssen. Sie machen die Gesetzmäßigkeiten der Elemente nicht
nur visuell erlebbar, sondern erhalten vor allem erst durch diese ihre spezifische Form.
Überprüfbare Belege hierzu bietet nun, nach seiner Beteiligung in einer Gruppenausstellung
im vergangenen Jahr seine erste Einzelausstellung in den Räumen der Galerie unter dem
Titel ‚mental polis’.
Der 1972 geborene Schüler von Georg Herold an der Kunstakademie Düsseldorf zeigt darin
neben einer Auswahl von Pastellkreidezeichnungen im hinteren Raum an der Wand die Arbeit
‚Atlas’, eine schwarz eingefärbte Betonplastik, die in ihrer Form an eine Konsole erinnert und
unmittelbar an Ort und Stelle an der Wand gegossen wurde. Ob der plastischen Gestaltung
mit dieser Geste auch eine Funktion des Gebrauchs zukommt, oder vielmehr ein
bildhauerisches Grundprinzip von Tragen und Lasten visualisiert wird, darf zunächst einmal
offen bleiben. Auch für das skulpturale Arrangement im vorderen Raum gilt zunächst
ähnliches. Vier kegelförmige, unbehandelte Betongüsse fungieren dort unmissverständlich
als Raumhindernisse und bremsen den Bewegungsfluss. In ihren Abmessungen variieren sie
leicht, erreichen aber in etwa Hüfthöhe. Nicht nur das Material, auch die Form und ihre
Platzierung wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen abweisend und fordert Abstand ein. Die
konkrete skulpturale Setzung folgt dabei einer operativen Logik und scheint sich einer
Autorität des Einfachen zu unterwerfen. Offensichtlich bilden die pyramidenartigen Formen
untereinander eine ‚geistige Gemeinschaft’ und halten den Betrachter in nachgerade
aufdringlicher Manier auf respektvoller Distanz. Dennoch bieten uns die Formen einige
Anknüpfungspunkte. Weitreichende Assoziationen können sich einstellen, wie etwa an einige
in den 30er Jahren angelegte Verteidigungslinien aus Panzersperren, welche auch
Drachenzähne oderHöckerlinie genannt werden. Die Einfachheit der Form korreliert demnach
nicht unbedingt mit der Einfachheit der Erfahrung. Viele der Arbeiten von Christian Berg
lassen sich in die Geschichte präexistenter Gestaltungsformen einordnen, untersuchen deren
fortdauernden Gehalt und stehen dennoch zuallererst für sich selbst.
Dieser Vorgang durchmisst dabei einen langwierigen Prozess, der mit einem Vorstellungsbild
anhebt und zunächst zwingt, ein Negativ dieser Vorstellung zu entwerfen und zu konstruieren.
In dieser Gussform bezeichnet die Skulptur zunächst einen leeren Raum. Erst durch das
kompromisslose Vertrauen in die Schwerkraft, das Ausfüllen der
Leere mit der angerichteten Betonmasse, verfestigen sich die flüssigen Strukturen. Diverse
Aggregatszustände werden folglich durchmessen. Die Kunst gleicht dabei einer Aktivität, die
sich selbst ausbrennt und verzehrt, und dabei etwas anderes entstehen lässt. Aus kreativer
Beharrlichkeit erwächst somit eine spezifische Interaktion mit der Welt.
Wenn das Leben leicht wäre, gäbe es vielleicht gar keine Skulptur. Schließlich sind auch wir
durch physikalische Gesetzmäßigkeiten eingeschränkt, zu unserer Form von Existenz
verurteilt. Seit jeher gehört es daher zu den vordringlichsten Anliegen der Bildhauer ihren
Skulpturen Standfestigkeit und einen sicheren Halt zu geben. Auch wir benötigen wenigstens
ansatzweise einen sicheren Rückhalt für unser Dasein. Das Augenmerk des Bildhauers
gilt in erster Linie der Fragestellung nach dem Körper im Bezug zu seiner Umgebung.
Innen und Außen, Hülle und Inhalt, Gefäß und Raum, Schwerkraft und Gleichgewicht: hier
berühren wir elementare Bereiche plastischen Empfindens und Gestaltens. Es geht um eine
spezifische Aneignung von Welt, die durch die unmittelbare Anbindung an das eigene
Körperempfinden Möglichkeitsformen eben dieser Aneignung kommunizierbar und
reflektierbar macht. Der Kunst fällt dabei die Aufgabe zu, als Mittel zur Selbst- und
Welterforschung in Stellung gebracht zu werden. Die plastischen Gestaltungen von Christian
Berg fordern dazu auf, sie in den Kreis unserer geistigen Gemeinschaft mit aufzunehmen.
Auch die Pastellkreidezeichnungen des Künstlers lassen sich hier einreihen. Zugrunde liegt
ihnen ein System von Raum erzeugenden pikturalen Elementen, die einer Syntax zu
gehorchen scheinen, einem Regelwerk der spielerisch-kalkulierten Kombination und Reihung
dieser Elemente. Alle Oberflächen bestehen aus demselben optischen Material. Vor allem
erscheinen diese Oberflächen ausgesprochen dünn und filigran, in Teilen nahezu
gläsern transparent. Die verschachtelten Flächen, Kuben oder Würfel auf diesen hermetisch
prismatischen Bildern sind gleichsam Konsumenten des Lichts.
Die Zeichnungen von Christian Berg sind zunächst ein reines Urteilen über Formen, zugleich
jedoch auch eine intensive Tätigkeit des Geistes und damit selbst Medium der Erkenntnis.
Harald Uhr
englisch text
Christian Berg The elemental forces of gravity are essential in Christian Berg's sculptural
work made of concrete. Only through the visualized experience of the laws of elements
the sculptures get their specific form. His first solo exhibition, after his participation in a
group exhibition last year, offers now verifiable documents under the title‚ Mental Polis'.
Christian Berg (student of Georg Herold at the Academy of Fine Arts Düsseldorf and born
in 1972) shows in this exhibition a choice of pastel drawings and in the rear space a
sculpture called 'Atlas'. This sculpture is made of black coloured concrete, casted in
situ and fixed on the wall so that it reminds of a console. The question that remains is
whether this console has also a practical use, or if it rather visualizes moreover the basic
principle of sculpture of weight and support. Similar considerations apply also to the
sculptural arrangement in the front part of the gallery. Three conical concrete castings are
placed unmistakably as obstacles on the floor and inhibit the flow of movement. They vary
easily in their dimensions up to waist heigh. Not only the material, but also the form and its
placement look really repulsing at first sight and demand to keep a distance.
They seem to follow an operative logic and to submit themselves to an authority of the
simple. The pyramid-like shapes build obviously a 'spiritual community' and keep the
viewer in their nearly obtrusive manner in a respectful distance. Nevertheless, these
forms offer some starting points for extensive associations. As for example of defensive
lines of the thirties made of anti-tank obstacles that are also called dragon's teeth or
bump-lines. The simplicity of the form is, however, not necessarily correlated with the
simplicity of the experience. Many works by Christian Berg can be set into a history
of preexisting artistic forms. While they are examining their ongoing content they
stand first of all for themselves. This procedure traverses a long process that begins
with an image and forces then the viewer to create and construct a negative form of
this idea. In this mould the sculpture defines at first an empty space. Only because
of the constant confidence in the force of gravity and the filling of the emptiness
with the concrete, the liquid structures can finally harden. Consequently various
states of aggregation are passed through. Art resembles here to an self-sacrificing
activity that lets arise something new at the same time. A specific interaction
with the world arises therefore from a creative persistence. If life was easy, sculptures would
perhaps not exist. Finally, we are also limited by physical laws and condemned to our form of
existence. Hence, it always belonged to the most urgent concerns of sculptors to give their
sculptures stability and a secure hold. Also we need at least a stable support for our existence.
The sculptor is primarily focused on examining the body in relation to his environment.
Inside and outside, body and content, vessel and space, gravitation and balance: here we
touch fundamental areas of the intuitive feeling for sculpture and sculptural forming. It has
to do with the specific appropriation of the world, which communicates and reflects possible
models through its direct connection to the own body image. Art has the duty as a medium
of self-scrutiny and exploration of the world to be positioned. The sculptures by
Christian Berg require to be incorporated in the circle of our intellectual community.
Also the pastel drawings can be ranged in here. They are based on a system of pictorial
elements that create space and which seem to follow a syntax, a set of rules of a playfully
calculated combination and sequence of these elements. All surfaces are made of the
same optic material. They seem to be very thin and delicate, almost transparent in some
parts. The nested surfaces, cubes or rectangles on these hermetic and prismatic-like
images are quasi consumers of light.
First Christian Berg's drawings are pure judgements about forms, at the same time
however, also an intense activity of mind and thus even a medium of cognition.
Harald Uhr
Franz Burkhardt
TRENNEN UND VERBINDEN
Eröffnung | Opening: Freitag, 15. Januar 2010, 19 Uhr
Ausstellung | Exhibition: 16. Januar bis 20. März 2009
Ausstellungstext
Franz Burkhardt Für seine zweite Einzelausstellung in den Galerieräumen hat sich Franz Burkhardt(*1966 in Wolfenbüttel) eine Verwandlung des Ortes vorgenommen. Drei Wände wurden eigensgebaut und geben dem semiöffentlichen Raum des Kunstbetriebs einen privaten Anstrich. Damitwird klargestellt: die Galeriebesucher betreten ein fremdes aber auch vertrautes Terrain, einintimes Zuhause in welchem sich gelebte Zeit abgelagert zu haben scheint. Der neu-alteKojeneinbau ist mit sorgfältigst gearbeiteter Fußleiste, eigens installierten Leuchtmitteln, sowieeinem Waschbecken, nebst Wasserhahn mit fließend kaltem Wasser ausgestattet und verströmtden nostalgischen Charme einer schummrigen Inneneinrichtung. Eine Bastelästhetik undheimeliges Handwerk via Baumarkt kommt dabei zum Tragen. Einen eigenen Raum zu bauenentspringt dabei nur zu wahrscheinlich der Erfordernis, eine begrenzte Ordnung angesichts dergrenzenlosen Unordnung in Szene zu setzen.
Auf den Wänden sind die Zeichnungen des Künstlers platziert, die er zumeist nach älterenschwarz-weiß Fotografien, etwa aus den 50er Jahren, als Vorlagen angefertigt hat. Auch ihrePräsentation in diversen alten Rahmen unterstreicht ihren inszenierten dekorativen, nachgerademöblierenden Charakter. Dabei verrät die Auswahl der Vorlagen, betont ausgeleuchtete Akt- undKörperdarstellungen aus einschlägigen Magazinen, den dezidiert an Volumen interessierten Blickeines Bildhauers. Die penible zeichnerische Akkuratesse streicht diesen Umstand nur um sodeutlicher heraus. Was zunächst als Trennendes wahrgenommen werden könnte, verbindet sichdaher augenfällig mit der skulpturalen Wohnungseinrichtung zu einem modellhaften Ensemble.
Die Baustelle der Installation als ganzes bietet eine Beobachtung zweiter Ordnung, bei der nichtmehr eine direkte Beschreibung der Welt versucht wird, sondern vorhandene Weltbeschreibungen,wie aus einem Grab heraus wieder beschrieben werden. Die Antwort, die Samuel Beckett auf seineselbst gestellte Frage liefert: „Woher kommt die Stimme, die 'Lebe!' sagt?“, könnte gleichfalls überBurkhardts Beitrag stehen: „Aus einem anderen Leben.“ Die in die Zeichnungen hin und wiederintegrierte Schrift wird dabei als kodierte Information augenscheinlich, deren Inhalte jeder Einzelnemit seinem individuellen Lebens- und Erfahrungshintergrund kurzschließen kann. Inmitten einer Weltder verabredeten Eindeutigkeiten unterhält Franz Burkhardt mit seinem zweiten Blick auf diekonsumierten und oftmals vergessenen Bilder Kontakt mit den Dingen jenseits der Antithese vonNutzen und Nutzlosigkeit. Dieser Blick könnte jedoch auch die Fähigkeit bezeichnen, überraschendeVerknüpfungen und ungeahnte Querverweise auch aus dem Fundus der Historie auf ihrenkünstlerischen Ertrag hin aufzuzeigen und durchzuspielen.
Die Modelle der banal erscheinenden Räume von Franz Burkhardt können durchaus als Instrumentezur Erkundung einer raum-zeitspezifischen Wirklichkeit angesehen werden, suggerieren sie doch dieMöglichkeit einer distanzierten Übersicht über ein freigestelltes Fragment eben dieser Wirklichkeit.Vermeintlich kommt eine Vorstellung von Realismus zum Zuge, die ihren Ausgangspunkt bei einemnüchternen Beobachtungsgeist, gepaart mit einer Anhänglichkeit an das Zeugnis der Sinne nimmt.
Die Motive, die uns der Künstler als Platzhalter unserer Wirklichkeit in aufgeräumter Form vor Augenführt, sind an Allgemeingültigkeit kaum zu überbieten, rufen sie doch in jedem von uns einenkollektiven Bilderfundus aus der allseits vertrauten Bühne des Alltäglichen wach. Es sind jedochzumeist weniger die puren architektonischen Formen, die in unserem Gedächtnis haften bleiben, alsvielmehr Geschehnisse, Begegnungen oder Stimmungen, die wir mit diesen beiläufigen Un-Ortenverbinden. Möglicherweise ist es gerade dieses fragwürdige Ins-Verhältnis-Setzen zurErwartungshaltung des Betrachters, auf welchem der eigentümliche Reiz der Arbeiten vonFranz Burkhardt gründet. Was die Arbeiten dabei in hohem Maße auszeichnet ist das Einhalten einerBalance zwischen dem reflektierten Einsatz der Mittel und dem Ausloten der Grenzverläufe hinzum Eigenleben des vermeintlich Unbelebten um uns herum, einem Spiel mit Distanz und Nähe,Variationen über ein Thema.
Die Haltung des Künstlers ist dabei weder pessimistisch noch zynisch. Sie ist nicht ideologisch oderutopisch, auch nicht offen kämpferisch, sondern geprägt von der verhaltenen Sicherheit dervagabundierenden Spieler, Poeten, Baumeister und ‚Bastler’, die den Alltag gleichermaßen alsMateriallieferanten wie als Baustelle benutzen, als gegeben und infiltrierbar vorstellen. Hinter derAnschmiegung an Vorhandenes und Bekanntes setzt eine präzise Bildformung ein, deren Spiel mitder Wirklichkeit weder einfache Wiederholung noch eindeutiger Kommentar ist. Strukturelle, sowieauch ganz subjektive Ebenen werden dabei sichtbar und entfalten ihre je eigene Dynamik. DerMensch ist eine Figur des Übergangs und der trennenden oder auch verbindenden Verknüpfungverschiedener Möglichkeiten.
Harald Uhr
english text
Franz Burkhardt For his second solo exhibition in the Cologne gallery space
Franz Burkhardt (*1966 in Wolfenbüttel) has transformed the exhibition venue. Especially
for this occasion three walls have been built whereby this semiofficial space of the art
scene is given a private touch. Thereby is stated: visitors of the gallery enter a foreign
but still familiar terrain, an intimate home in which lived through time seems to form
sediment. The new-old bunk installation with a diligently wrought baseboard, specially
installed illuminants as well as a washbasin, equipped with a water-tap with running coldwater,
gives off the nostalgic charm of a dim interior fitting. Handicraft work and home craft via
hardware and do-it-yourself-stores do have their effect: building a room of one's own very
probably emanates from the need to stage a defined order at sight of the existing boundless
disorder. Drawings by the artist are placed on the walls; the artist copies from old black and
white photographs, for example from the fifties, which he uses as masters. Their presentation
in different vintage frames emphasizes their staged decorative, well-nigh furnishing character.
The selection of masters - demonstratively litnudes and body representations taken from relevant
magazines, reveals the decided view of a sculptor, who is above all interested in volume. The
meticulously graphical accuracy points out this fact abundantly clear. What might firstly be
recognized as something separating is strikingly connected with the sculpturalfurniture. Hence
the whole arrangement forms an exemplary ensemble.
The construction site of the installation as a whole provides an observation of a second degree: not
adescription of the world is attempted but rather already existing descriptions – as if out of a
grave – are described once again. The answer, provided by Samuel Beckett to the question posed
by himself: “Where does the voice, saying 'live!', come from?”, might also caption Burkhardt's
contribution: “From another life.”Writing, occasionally inserted into the drawings, becomes obvious
as encoded information that everybody can connect with his own life and experience. In a world
of appointed 'unambiguousness' Burkhardt focuses - with his 'second look' - on consumed and
often forgotten images, whereby he stays in contact withthings beyond the antithesis of use and
uselessness.
This look might also indicate the ability to demonstrate and to go through surprising links and
unexpectedcross-references, emanating from the store of history, with the aim to pinpoint the
resulting artistic output.
The models of the trivially appearing spaces created by Franz Burkhardt can be easily regarded
as an instrument of exploration of a space and time specific reality as they suggest the possibility
of a distanced scheme of a facultative fragment of this reality. Allegedly a conception of reality
evolves that has its initial point in a sober, observing mentality, combined with an adherence to
the credential of senses.
The themes that are presented by the artist as a kind of placeholder of our reality - tidied up -are
unsurpassed in regard of universality: they evoke in each one of us a collective store of images
from the generally familiar stage of everyday life. Instead of pure architectural forms, we rather
remember incidents, encounters or moods, which we connect with these random venues. Maybe
the peculiar appeal of FranzBurkhardt's works is based on this disputable putting-into-relation
proportionate to the beholder's expectation. What highly distinguishes Burkhardt's works is the
keeping of balance between the reflecting use of means and the exploration of the borderline,
approaching the independent existence of the allegedly inanimate around us and therefore playing
with distance and closeness, variations of a theme.
The artist's attitude is neither pessimistic nor cynical. It is not ideological or utopian, not even
candidly combative - it is rather marked by the restrained certainty of tramping vagabonds, poets,
master builders and ‚home constructors’ who all make use of materials and construction sites
provided by everyday life, something given and easy to infiltrate.
Beyond the nestling to anything existing and familiar a precise forming of images is applied, its play
with reality is neither a simple recapitulation nor an explicit comment. Thereby structural as well as
highly subjective levels become visible and each one of them is unfold in its own dynamic. The human
being is a figure of transition and also of separating and connecting links of different possibilities.
Harald Uhr