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FLASH IN THE HOLE – Timo Behn und Christian Berg
07. März – 30. Mai 2015
KunstVoll Projektraum, Frankfurter Straße 47, 63263 Neu-Isenburg

 

 

 

von Esther Erfert M.A., Kunsthistorikerin

Die Galerie Sebastian Brandl aus Köln ist mit ihrer Ausstellungsreihe anderswo zu Gast im Projektraum KunstVoll. Dort präsentiert sie in der Ausstellung FLASH IN THE HOLE die zwei abstrakten Positionen der deutschen Künstler Timo Behn und Christian Berg.

Timo Behn, 1973 in Jena geboren, absolviert das Studium der Freien Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und schließt 2007 als Meisterschüler von Professor Ottmar Hörl ab. Es folgen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Er lebt und arbeitet in Berlin. Das Hauptmedium von Timo Behn ist das Tafelbild und die Zweidimensionalität, wobei er Räume entstehen lässt, die uns Dreidimensionalität suggerieren. Er bedient sich geometrischer Formen, die er neben-, ineinander- und übereinanderlegt; sie verschachtelt, auf- und zuklappen lässt. Oft agieren sie vor einem schwarzen oder dunklen Hintergrund. Die dunkle Farbe verleiht Tiefe und bietet den geometrischen Formen eine Art neutrales Bühnenbild, vor dem sie frei wirken können ohne sich in ihrer mehr oder weniger starken Farbigkeit gegenseitig zu stören. Seine Formen sind dynamisch und scheinen zu kommunizieren. Oft grenzen sie sich durch eine andersfarbige Linie ab, um dann doch wieder auf Tuchfühlung zu gehen und sich dicht an dicht einer Bewegung hinzugeben, die das Bild ständig zu verändern scheint. Helle und dunkle, warme und kalte Farben suggerieren dem Auge Tiefe, es entstehen verschiedene Ebenen.

Weiche, aber auch brutale Strukturen und scharfe Kanten bilden Räume, die man nicht begehen könnte; Durchgänge sind keine, wenn sich eine andere Form dazwischen schiebt. Hier liegen Flächen über- und untereinander, stoßen aneinander und bröckeln. Alles, was aus der Entfernung so vollkommen wirkt, was dem Auge Klarheit vorgibt, muss in der Nahansicht zugunsten einer Lebendigkeit der Oberflächen aufgegeben werden. Die strenge Geometrie, die klare Formensprache und die akkurat geführte Linienführung wird durch die Oberflächenbehandlung fast rekonstruiert. Es blättert und es wellt sich, unregelmäßige verschattete Farben und Muster überziehen geometrische Formen. Die Ruhe der einzelnen Form steht im Gegensatz zur Oberfläche. Hier tritt ein Bruch ein. Bei genauem Hinsehen entdecken wir collagierte Elemente, den Pinselduktus oder Abplatzungen, dies vergrößert die Kluft zur akkurat angelegten Form. Die Werke bekommen dadurch etwas Unvollkommenes. Der Form, die auch schnell abstoßend kühl wirken kann, wird Leben eingehaucht, es entstehen Bewegung und Schatten, Auf und Abs. Der auf die Ferne entstandene Eindruck zerfällt; das Perfekte wird dekonstruiert.

Hinzu kommen die größeren Zäsuren, die in manchen Bildern auftreten. Farbauslassungen oder helle fast wie nicht dazugehörige Farbflächen, die wie in dem Werk Herrgott, geht es uns gut Nr.2 aus dem Jahr 2014 eine Art ‘Störfaktor’ oder aber auch eine Pause in die Komposition bringen. Alle Flächen scheinen miteinander zu harmonieren, die Formen und Oberflächen interagieren. Im Zentrum jedoch befindet sich eine große, massiv wirkende helle Fläche mit einem kleinen blaugestreiften Part. Die beiden unterbrechen die Harmonie und trennen das Bild in einen linken dunklen und einen hellen rechten Teil. Das Blau lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und wird fast zum Mittelpunkt, weil es zum einen beinahe im Zentrum des Bildes ist und zum anderen keine farbliche Entsprechung im Bild hat; es fällt heraus aus der Farbskala.

Timo Behn arbeitet meist in der Zweidimensionalität, einige seiner Werke jedoch belassen es nicht dabei, sie erobern sich den Raum durch dreidimensionale Elemente. Wie Relief Nr. 4 von 2015. Hier ist der Name Programm: ein Relief ist eine Darstellung, die sich plastisch vom Hintergrund, das heißt von der Fläche, abhebt. Mit diesen Reliefs beginnt Behn aktiv in den Raum hineinzudrängen. Die geometrischen Formen bekommen Körper, erhalten ein Eigenleben, wachsen in den Raum hinein und beginnen nun mit der Raumsituation in Kontakt und in Beziehung zu treten. Die Wirkung ändert sich, Flächen werden haptisch und bekommen eine andere wahrnehmbare Qualität. Damit steht das Werk als Kunstform zwischen der Bildhauerei und der Malerei. Der Schein wird zum Sein, die Malerei nähert sich der Skulptur.

Christian Berg, 1972 in Bonn geboren, absolviert das Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf und schließt 2004 als Meisterschüler von Professor Georg Herold ab. Es folgen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Er lebt und arbeitet in Köln.

Christian Berg arbeitet in Beton. Mit dem Stoff, der für die meisten von uns für Architektur und Gebäude, für Massivität und lastende schwere Formen steht.
Er hat in unseren Augen etwas künstliches, besteht aber letztlich aus den Naturstoffen Wasser, Sand und Kies gemischt mit Zement (meist Kalkstein und Ton). Beton ist ein sehr reines, wenig beeinflussendes und somit neutrales Material, da er weder die Maserungen noch die changierenden Farben von Stein oder Holz besitzt. Er ist nicht von Natur aus schön oder interessant, er fasziniert nicht durch seine Form, durch seine Herkunft oder seine eventuelle Bedeutung.
Der Entstehungsprozess einer Skulptur ist bei Berg ein langwieriger. Bevor er dazu kommt im endgültigen Material, dem Beton, zu arbeiten, muss er seine Idee in eine Negativform umsetzen, das heißt er muss eine Form konstruieren, in die er den Beton gießen kann. Während des Anrührens des Betons werden ihm Pigmente beigemischt, diese färben ihn durch und durch, die Farbe ist somit also kein additives Material, sondern gehört substantiell zum Beton und durchzieht die ganze Skulptur.
Der Akt des Gießens ist an der Skulptur am Ende sichtbar, man sieht Abdrücke der Verschalung, die die Form zum Gießen bildete. Nach dem Aushärten wird der Beton mit dem Hammer bearbeitet, es entstehen Risse und Brüche, die Skulptur verformt sich. Auf Fernsicht wirkt die Oberfläche glatt, auf Nahsicht jedoch erkennt das Auge Verletzungen im Material, die Bearbeitung durch den Künstler wird sichtbar. Bergs Skulpturen stehen autonom im Raum, sind an der Wand montiert oder lehnen sich an diese. Sie irritieren Sehgewohnheiten und scheinen Genresgrenzen zu überwinden.

Grob lassen sich die Werke in zwei Gruppen einteilen, es sind dies die länglich geformten, stelen- oder pfostenähnlichen Objekte und die architektonisch, kompakteren Werke. Berg reduziert die Skulptur auf Form und Struktur, es gibt kein Beiwerk, es ist die Reduktion auf das Wesentliche. Unterstrichen wird dies noch durch die klar angelegten Farben, akkuraten Linien, Farbanschlüsse- und flächen. Er stellt die Skulpturen in enge Beziehung zum Raum, spielt mit der Statik und der Kräfteverteilung. Form und Material der Werke wecken Assoziationen und Erinnerungen, lassen individuelle, aber auch kollektive Geschichten aufleben. So rein das Material als Material ist, ist es doch zum Beispiel mit viel Historischem aufgeladen. Vier dünne Armierungen halten eine massive Betonskulptur ohne Titel in ihrer Position. Sie lehnt an der Wand, nimmt zu ihr Kontakt auf. Dort, wo die Armierungen aus dem Beton treten gibt es einen scheinbaren Schnitt und die Wirkung dreht sich ins Gegenteil: ihre Masse und Schwere scheint auf einmal aufgehoben zu sein; es ist ein Spiel von Massivität und Leichtigkeit, von Lasten und Getrageneren. Zusätzlich lassen uns die Armierungen den Aufbau und das Innere der Skulptur erahnen. Die Oberfläche der Skulptur ist in hell-dunkel gehalten, ungefähr im Verhältnis zwei zu drei, wobei die ‘lastende’ dunkle Farbe nicht wie zu erwarten im unteren, sondern im oberen Teil und die hellere Farbe am Boden verwendet wird. Wo die beiden Farben aufeinander stoßen, bildet sich eine parallel zum Boden verlaufende Linie. Dagegen ist der Abschluss, auf der sie ruht dies nicht. Sie steht lediglich auf einer Kante. Dies ruft beim Betrachter eine kurze Irritation hervor, denn eine wirkliche Standfestigkeit scheint nicht gegeben. Das Werk steht mit seinem relativ grazilen Aufbau wie ein überdimensionales Zeichen im Raum, es fordert Aufmerksamkeit und beansprucht einen enormen Wirkungsraum um sich herum. Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Werk ohne Titel aus dem Jahr 2007 tritt sehr kompakt auf, der dunkel eingefärbte Beton ist in einem Gitter aus Stahl integriert. Das Schwere und Lastende des Betons wird fast aufgehoben durch die gleichzeitige Leichtigkeit und Transparenz des Gitters. Bergs Skulpturen haben nichts gemein mit dem ‘klassisch-schönen’, seine Skulpturen sind nicht gefällig und einfach verständlich, sie erfordern ein genaues Hinsehen und eine Auseinandersetzung mit ihnen. Ihre Ästhetik erwächst aus der Reinheit des Materials und den klaren Formen, die durch gezielte Setzung von Farben und die Oberflächenbearbeitung ein spannendes Eigenleben entwickelt. Durch die Platzierung im Raum oder an der Wand und durch die Interaktion zum Raum werden sie ein Teil desselben.

Zudem entsteht bei manchen Skulpturen ein Eindruck des unabgeschlossenen; eventuell könnten Sie noch weiter gearbeitet oder etwas hinzugefügt werden. Vielleicht warten die Armierungen des Werks auf Ergänzung, vielleicht ist es fertig?

Diese Möglichkeit bringt eine zusätzliche Spannung in die Skulptur und lässt uns manches Werk weiterdenken.

So verschieden die beiden Genres, in denen Timo Behn und Christian Berg arbeiten, zu sein scheinen, sie sind sich näher als man auf den ersten Blick vermuten würde. Beide konstruieren architektonische Formen in ihren Werken und setzen sich mit Statik auseinander. Gemeinsam erarbeiten sie den Raum, den sie bespielen und als Bühne nutzen; erschaffen Durchblicke und Perspektiven. Ihre Werke bewegen sich aufeinander zu und gehen auf Tuchfühlung; manchmal irritieren sie den Betrachter in ihrer Interaktion und werfen zudem Fragen der Genres auf. Die Übergänge sind fließend; wo hört Behn auf, wo fängt Berg an?
Eine Stele Bergs versperrt den Zugang zu Behns Werk Abstrakte Collage 2 und lässt es nicht zu, dass der Betrachter näher heran tritt. Ein anderes Werk Christian Bergs aus dem Jahr 2010 ruht auf einem Sockel frei im Raum, es scheint als wären geometrische Formen Timo Behns aus dem Gemälde geklettert und hätten sich hier in einer dreidimensionalen Form manifestiert. Viele Gemeinsamkeiten verbinden die beiden Künstler, nicht nur im Äußeren, sondern auch in ihrem philosophischen Denken über ihre Kunst. Für beide stellt ihre Kunst eine Suche nach dem ‘Ding-an-sich’ dar: was ist das Wesentliche an einem Kunstwerk, wie kann ich es erreichen und wie stelle ich es dar? Die Ästhetik ihrer Kunst liegt in der Konstruktion und Dekonstruktion. Nicht das Perfekte, sondern das Sich-in-einem-Prozess-Befindliche kennzeichnet ihre Kunst, lässt sie atmen und nicht stillstehen und macht sie für den Betrachter so spannend.

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