Raquel Maulwurf DARK NATURE
Exhibition 07 September – 26 October 2013

Raquel Maulwurf (*1975, Madrid) hat sich mit großformatigen Kohlezeichnungen von zerstörten Städten einen Namen gemacht. Dabei fängt sie die verheerenden Folgen von Krieg, Terrorismus und Waffen in all ihrem Schrecken ein. In ihrer jüngsten Arbeit wendet sich Maulwurf indes von der Stadt hin zur Natur – zu einem Zeitpunkt, als sie nach New York zieht.

In der Stadt, die niemals schläft, verspürte Maulwurf den Drang, sich neuen Motiven hinzuwenden – Motive, in denen die Natur in den Mittelpunkt rückt. Ansichten von Meer und Wald sind in Serien ausgearbeitet. Im New Yorker Großstadtdschungel verschiebt sich Maulwurfs Fokus hin zu der Darstellung des Schadens, den die Menschheit seiner Umwelt zufügt. Die Frage ist, ob die Urkraft der Natur letztlich gewinnen wird; sie gestärkt aus den zerstörerischen Kräften des Menschen hervorgeht?

In gewissem Sinne könnte dieses Thema auch als eine Metapher für Maulwurfs Arbeitsmethode angesehen werden, wo Schöpfung und Zerstörung Hand in Hand gehen. Bei den Meereslandschaften zum Beispiel, attackiert sie buchstäblich den Karton auf dem sie arbeitet. Gewaltige Sturzwellen entstehen durch das Zeichnen von starken Linien mit Kohle. Ein Teppichmesser oder Schleifpapier dient ihr dazu, das Innerste des Kartons freizulegen. In der aufgekratzten Oberfläche entspringt das reinste Weiß und bildet den Schaum der Wellen.

Abgesehen von Meeren und Wäldern, hat New York Maulwurfs Portfolio um neue urbane Motive bereichert. Die Zeichnung End of Snow zeigt die Transformation, welche die Stadt erfährt, wenn die berüchtigten Schneestürme die Kontrolle übernehmen. Moving Landscapes basieren auf Fotografien von Landschaften aus dem Inneren eines fahrenden Autos. Diese semi-abstrakten futuristischen Zeichnungen erwecken ein Gefühl von extremer Geschwindigkeit. Insbesondere dieses Motiv demonstriert die Virtuosität und Fähigkeiten von Maulwurf.

Der kreative Prozess an sich ist von großer Bedeutung für die Künstlerin. Wenn sie über ihre Zeichnungen spricht, erzählt sie wie sie sich fast verschlungen fühlt von ihren großformatigen Arbeiten, da sie sehr nah an der Oberfläche arbeitet. Während des Zeichnens verschmiert sie die Kohle mit ihren bloßen Händen und scheuert sich dabei manchmal ihre Haut auf bis sie fast blutet. Während dieses Prozesses kriecht die Kohle unter ihre Fingernägel und sickert in die Poren ihrer Haut. Dies stellt nicht nur eine körperliche Herausforderung dar, es fordert auch eine große Menge an Ausdauer und zeigt ihre extreme Hingabe für die Arbeit.

Im Jahre 1847 bemalte der französische Künstler Théodore Rousseau gefällte Bäume auf der Île de Croissy (Museum Mesdag Collection) als Appell gegen die Abholzung der Bäume. Er war äußerst berührt, als wenn die Äxte in seinen eigenen Körper geschwungen würden. Sich mit der Natur zu identifizieren, ihre Urkraft anzuerkennen und Ehrfurcht vor ihr zu haben, dies charakterisiert das Erhabene in der Kunst, vor allem wenn den Bäumen Gefühle zugeschrieben werden, als ob sie Lebewesen wären, die Schmerz und Leid erfahren und wütend werden über das Fehlverhalten der Menschheit.

Überdies visualisieren Maulwurfs Zeichnungen die reine Kraft der Natur. Wenn man bedenkt, dass Vulkanasche aus Island Flugzeuge dazu zwang am Boden zu bleiben oder den Tsunami in Japan und die anschließende nukleare Katastrophe betrachtet, so scheinen wir uns in einem Zeitalter wieder zu finden, in der die Natur den Zusammenbruch unseres kulturellen Systems herbeiführt. Diese unbezähmbare Kraft will Maulwurf in ihrer Arbeit einfangen und damit die Wiederkehr der vier klassischen Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer herbeiführen.

Was Maulwurfs Wälder und Meereslandschaften mit Rousseaus Wald gemeinsam haben, ist der Umstand, dass dem Betrachter nicht sofort ersichtlich ist, dass er Zeuge einer Naturkatastrophe ist. In einer Zeichnung, die einen Waldbrand zeigt, fängt Maulwurf die Ursprünge des Feuers in einer fast spirituellen Weise ein. Leuchtende Sphären brechen durch die Bäume wie die Strahlen der Morgensonne und treiben die Dunkelheit aus dem Wald. Ähnlich wie bei Rousseau, ist es wichtig zu erkennen, dass wir nicht bloß auf umgefallene Bäume blicken, sondern vielmehr auf einen gefällten Wald.

In dieser tief empfundenen Empathie für die Natur, zeigt sich die Verwandtschaft von Maulwurfs Arbeit zur Romantik. Die ungeheuren Meere, die sie zeichnet, mit bedrohlichem Himmel und durch Öl geschwärztes Wasser, haben eine Weite und Leere, die an Caspar David Friedrichs Werk erinnern. Hier endet die Welt; ein Ort, wo der Mensch mickrig und vor der Gnade der Urkräfte erscheint.

Benno Tempel
Direktor Gemeentemuseum Den Haag

 

Raquel Maulwurf (Madrid 1975) has made a name for herself with large-scale charcoal drawings of ruined cities. She captures the devastating aftermath of war, terrorism and weaponry in all their horror. However, in her recent work Maulwurf has turned from the city towards nature – at a moment when she herself moves to New York.

In the city that never sleeps, Maulwurf felt a drive to take up new themes – themes in which nature is gaining prominence. Forest views and seascapes are worked out in series. In New York’s urban jungle Maulwurf’s focus shifts towards depicting the harm mankind inflicts on his environment. The question is whether the primal force of nature will ultimately win; will nature emerge stronger from the destructive forces of man? In a sense, these themes could be a metaphor for Maulwurf’s own working method, in which creation and destruction go hand in hand. In the seascapes, for instance, she literally attacks the board she works on. The violent breakers are built up by using heavy strokes of charcoal. Working the museum board with either a box cutter or sandpaper exposes the core of the board. From the scratched surface arises the purest white, forming the foam of waves.

Apart from seas and forests, New York has also brought new urban themes to Maulwurf’s work. The drawing The End of Snow shows the transformation the city undergoes when the infamous snowstorms seize control. Maulwurf’s Moving Landscapes are based on photographs of scenery taken from inside a moving car. These semi-abstract futuristic drawings evoke a sense of extreme velocity. This theme in particular showcases the artist’s virtuosity and skills.

The creative process itself is of great importance to the artist. Discussing her drawings she talks about how she feels almost engulfed by her large-scale works, because of how she works very close up to the board. While drawing, she smudges the charcoal with her bare hands, sometimes abrading her skin until she almost bleeds. During this process the charcoal creeps underneath her fingernails and seeps into the pores of her skin. This poses not only a physical challenge, it requires a vast amount of endurance and shows her extreme dedication to her work.

In 1847 French artist Théodore Rousseau painted Chopping Trees on the Île de Croissy (Museum Mesdag Collection) as a plea against the felling of the trees. He was intensely distressed, as if the axes were swung into his own body. To identify with nature, to acknowledge its primal force and to be in awe of this, characterises the sublime in the arts, especially if these trees are attributed feelings, as if they are living beings, experiencing pain, grief or becoming infuriated by mankind’s wrongdoing.

Furthermore, Maulwurf’s drawings visualize the sheer power of nature. If we consider the volcanic ash from Iceland that forced airplanes to remain grounded, or Japan’s tsunami and the subsequent nuclear disaster, we seem to find ourselves in an age where nature is bringing about the collapse of our cultural systems. This untameable force is what Maulwurf captures in her work, hence the recurrence of the four classical elements, earth, water, air and fire.

What Maulwurf’s forests and seascapes have in common with Rousseau’s forest is that it is not immediately obvious to the viewer that they are witness to a natural disaster. In a drawing depicting a forest fire Maulwurf captures the origins of the fire in an almost spiritual way. Luminous spheres break through the trees like the rays of the morning sun, driving the darkness from the woods. Similar to Rousseau, it is essential to realize that we are not merely looking at trees that have fallen over, but at a felled forest.

In this deeply felt empathy with nature Maulwurf’s work shows kinship to Romanticism. The immense seas she draws, with threatening skies and water blackened with oil, have a vastness and emptiness that is reminiscent of Caspar David Friedrich’s works. It is here where the world ends, a place where man is puny and at the mercy of primal forces.

Benno Tempel
Director Gemeentemuseum The Hague

 

go back